Ich stehe inmitten der schwitzenden Körper und halte mich an einer Bierflasche fest. Ich trinke nicht viel, aber zu schnell, sodass mit jedem weiteren Schluck wirre Gedankenfetzen in meinem Kopf kreisen. Die Frau neben mir ist mir nicht vertraut und trotzdem sind wir zusammen hergekommen. Vielleicht weil ich dachte, ein Abend unter Menschen sei besser als nichts. Oder ich fühlte mich einfach nur verpflichtet. Eine schlechte Angewohnheit ist das, aber meistens bin ich zu wortkarg, um mich rauszureden.
Ein alter Bekannter von meiner Begleitung streift unseren Weg und ich halte ihm die Hand entgegen, weil er seine nach mir ausstreckt. Erst viel zu spät bemerke ich, dass er einen Gipsarm hat und gar nicht anders kann. Er küsst mich auf die Wange, einmal links, einmal rechts und fragt, ob wir uns von früher kennen. Ich denke nicht, sage ich verwirrt und er zuckt entschuldigend mit den Schultern. Worüber sich die beiden unterhalten, kann ich nicht verstehen. Eine kurze Sequenz, eine unvertraute Berührung, danach bin ich verschwunden, als wäre ich gar nicht da.
Es gibt diese Videos, in denen ein Mensch ganz still steht, während um ihn rum alle Bewegungen vorgespult werden. In diesem Augenblick, an diesem Abend bin ich so ein Mensch und alles andere sind Wortschleifen.
Mit einem Lächeln schaue ich mich im Raum um, gleite mit dem Blick über Gesichter und komme doch nur bis zu den eigenen Fingerspitzen. Ich weiß gar nicht, ob mir nach Lächeln zumute ist, dennoch hebe ich die Mundwinkel, weil es sein könnte, dass mich jemand beobachtet. Es ist immer besser zu lächeln, weil einem dann keine unangenehmen Fragen gestellt werden - soviel habe ich gelernt.
In all dem Chaos zünde ich mir eine Zigarette an und fühle mich gar nicht unwohl. Es soll Menschen geben, die das nicht gut können, irgendwo rumstehen und nichts tun. Aber mir macht es nichts aus, vielleicht möchte ich das Verschwinden sogar üben.
Mit einem Kopfnicken deute ich zur Bar und signalisiere der Frau, dass ich mir Nachschub besorge. Sie nickt abwesend mit dem Kopf und ich frage mich, warum ich überhaupt Bescheid sage. In dem Wissen mir blaue Flecken einzufangen, kämpfe ich mich durch die Menge und pralle dabei fast gegen deinen Brustkorb. Ich muss nicht aufschauen, um zu sehen, wer da vor mir steht, denn ich wusste, dass du kommst. Wieder Küsse auf die Wange, wieder mein Lächeln. Mir fehlt der Geruch, den ich so gut kenne und den Blick in deine Augen spare ich mir, denn ich würde darin nichts finden. Mechanisch streiche ich mir mit den Fingern imaginäres Pulver von der Nase und du schaust mich etwas verunsichert an. Ich habe dich schon immer durchschaut und ich kenne deine Gewohnheiten.
Es gab Tage, da habe ich deswegen nichts als Sorge empfunden, doch mittlerweile hat Gleichgültigkeit die Oberhand gewonnen. Ich kann dich eh nicht ändern und eigentlich steht mir auch nicht mehr der Sinn danach.
Wir verlieren uns in der Menge und wissen trotzdem, dass wir da sind, doch diesmal möchte ich nicht bleiben, bis du gehst. Diesmal werde ich verschwunden sein, bevor du mir irgendwelche Gedanken in den Kopf pflanzen kannst, die sich danach wie halb vertrocknete Äste ausbreiten.
Im Vorbeigehen nicke ich dir zu; ein kurzer Gruß zum Abschied und ich bin draußen. Hinter mir bleibst du stehen und streckst den Arm aus.
Ins Leere.
Wenn man die Vorspultaste lange genug drückt, sieht es irgendwann so aus, als gäbe es kein Drumherum mehr. Und dann steht man alleine da.
Von der alten Brücke aus beobachte ich die Lichter der vorbeifahrenden Autos und drücke auf Stop.
