Es ist lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, aber ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie du langsam den Kopf geschüttelt hast, um mir zu sagen, dass es nicht weitergehen kann. Du sagtest ja und nein zugleich, legtest dein Gesicht in meinen Schoß und begannst zu schweigen.
Damals habe ich die Tür unwiderruflich geschlossen, doch heute stehe ich davor und warte darauf, dass du sie mir öffnest.
Du hast dein Schweigen gebrochen.
Es ist nicht kalt draußen und trotzdem beginnt etwas in mir zu zittern, fast unmerklich, doch so, dass ich glaube, man könne es mir ansehen. Ich habe nicht viel Zeit mir Gedanken darüber zu machen, denn während ich die Hände in den Taschen zu Fäusten verkrampfe, öffnest du mir die Tür und schaust mich mit deinem vertrauten Gesichtsausdruck an.
Ich dachte, er sei mir vertraut, doch im ersten Moment habe ich das Bedürfnis einen Schritt zurückzuweichen. Es sind dieselben Augen, es sind dieselben Züge um den Mund, die mich daran erinnern, wie es sich anfühlte, als mein Herz noch schlug, doch der Mann, der jetzt vor mir steht, ist ein Fremder.
Zwei, drei Sekunden stehen wir uns schweigend gegenüber, bis du mich etwas unbeholfen herein bittest. Ich zögere, bevor ich schließlich an deinem Schatten vorbeihusche und langsam die alten Treppen hinauf steige. Früher hast du mir bei jedem dieser Schritte auf den Hintern gestarrt. Früher machte es mich jedes Mal aufs Neue verlegen, weil ich es selten mag, wenn man mich beobachtet. Doch diesmal ist es anders. Schleppend folgst du mir die Stufen hoch und lässt deinen Blick auf meinen Schultern ruhen. Es scheint, als müsstest du dich dabei konzentrieren, denn oben angelangt, in dem vertrauten Raum, mit dem vertrauten Geruch, bleibst du schweigend stehen, während ich versuche, einen passenden Platz für mich zu finden. Ich lasse mich schließlich auf der Matratze nieder, dem einzigen Ort in deinem Zimmer, an dem wir miteinander reden konnten. Erst dann kommen die Worte.
„Warum hast du angerufen?“
Mit nackten Füßen schleichst du über den Holzboden, holst eine Flasche Rotwein und öffnest sie vorsichtig. Wie ein gespannter Faden ziehen sich die Worte von mir zu dir und färben sich rot in den kristallenen Gläsern. Wir stoßen an und das Klirren durchbricht die Stille.
„Warum?“ frage ich noch einmal, woraufhin du mich müde ansiehst.
Wie jemand, der ein Bild studiert, betrachtest du Zentimeter für Zentimeter mein Gesicht, hebst deine Hand und lässt sie auf halbem Wege wieder sinken. Auf der anderen Seite der Welt schlägt ein Schmetterling mit seinen Flügeln.
„Ich habe gelogen.“
Verständnislos schaue ich auf.
„Das letzte Mal, als du in diesem Zimmer warst, habe ich gelogen.“
Du sprichst so leise, als hättest du Angst, es könnte dich jemand hören.
„Ich wollte nicht, dass du gehst, doch du konntest auch nicht bleiben. Als du die Tür hinter dir zuschlagen wolltest, habe ich sie aufgefangen.“
Für den Bruchteil einer Sekunde starre ich dich wortlos an. Bilder rauschen in meinem Kopf. Schnee im April. Ein blasser Striemen auf deiner Haut. Deine Finger in meinem Schoss. Grüne Augen. Ich merke wie mein Blick zu flackern beginnt und wende ihn ab auf das Glas in meiner Hand.
Roter Wein hinterlässt rote Spuren auf einem Laken. Spuren, die man schwer wieder heraus bekommt. Mit einer langsamen Bewegung kippe ich das Glas und ziehe eine rote Linie zwischen dir und mir, doch du legst bloß schweigend deinen Kopf in meinen Schoß und während ich noch immer das Glas anstarre, streiche ich dir immer und immer wieder über das dunkle Haar. Fast mechanisch. Fast unwirklich.
Fast wie Schnee im April.

es gibt geschichten, die hinterlassen einen angenehmen schauer im herzen. danke, liebe ada.