(möglicherweise Liebling)
Seit einer halben Stunde schippe ich Schnee und ich glaube, das ist der erste Moment, in dem ich mal nicht nachdenke. Ich schaufle einfach die weißen Massen beiseite, hacke auf die Eisflächen ein und stelle fest, dass es mir fast schon Spaß macht. Die beiden Frauen aus der Nachbarschaft, die gekommen sind, um ihr Auto freizuschaufeln, müssen denken ich sei besessen. Mit hochroten Wangen schiebe ich von einer Seite zur anderen, lasse mir verirrte Haarsträhnen ins Gesicht fallen und schaue ernst vor mich hin. Letzteres mache ich öfter, wodurch ich als Kind oft gefragt wurde, warum ich denn so traurig sei. Ein Zug, den ich nicht ablegen kann, aber so ganz stimmt das nicht. Neulich hat mir jemand am Telefon erklärt, was „habibi“ bedeutet, da musste ich ein bisschen lächeln, weil es warm war und die Stimme ganz nah an meinem Ohr. Aus deinem Mund hört sich das sehr viel schöner an als aus meinem und überhaupt konntest du viele schöne Dinge sagen – bevor ich aufhörte mit dir zu reden.
Jetzt lächle ich nicht. Hin und wieder halte ich inne und schaue nachdenklich auf mein Werk: Eine fast vollkommen freie Einfahrt plus den halben Bürgersteig. Aber das reicht nicht. Ich habe noch zuviel habibi im Kopf und im Herzen.
Inneres Chaos mit äußerer Ordnung kompensieren – ich probiere es immer wieder.
Als kein Schnee mehr zum Wegräumen da ist, setze ich mich erschöpft auf die Treppen. Mir ist ein bisschen schlecht von der Anstrengung und in meinen Händen brennt ein Feuer, während die Füße zu Eis gefroren sind.
Gegensätze. Manchmal braucht es ein bisschen Zeit, damit sie sich verstehen, murmle ich und wanke ins Haus.
