In meinem Freundeskreis hat sich in den letzten Monaten einiges verändert. Es gab Trennungen, neue Beziehungen, Auslandsaufenthalte und Kontakte, die schleichend mit den Wochen einschliefen. Wenn sich solche Aktionen häufen, fragt man sich irgendwann: Wer ist eigentlich noch Freund? Wer ist nur guter Bekannter und wer mittlerweile fast schon ein Fremder?
Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, dass Wege sich trennen oder man sich auseinander lebt. Das ist nicht nur in Beziehungen so, sondern auch in Freundschaften. Allerdings empfinde ich es so, dass es schwieriger wird, Freunde zu finden, je älter man wird.
Der Lauf der Dinge
In der Grundschule geht das schnell. Man sitzt nebeneinander, leiht sich Stifte, tauscht Sticker oder Actionfiguren und schon hält die Freundschaft bombenfest bis zur Mittelstufe oder länger.
Mit dem Schulabschluss kommt der erste große Einschnitt. Freunde ziehen weg, die berufliche Zukunft tilgt den gemeinsamen Alltag und letztlich trifft man neue Menschen in einer neuen Stadt. Mit denen geht man dann aus und trinkt gemeinsam Kaffee, nachdem man morgens stur an den Kommilitonen im Hörsaal vorbei gestarrt hat.
Jeder muss schneller an seine Punkte kommen und im Nacken sitzen die Studiengebühren. Straffe Stundenpläne und zahllose Klausuren rauben die Zeit, sich zwischen den Vorlesungen kennen zu lernen. Ein flüchtiges Hallo, ein nettes Wie geht’s? oder Wie war das Wochenende? – das war’s dann aber auch schon. Während man tagsüber funktioniert, fragt man sich nachts ein wenig wehmütig, wo all die Freunde von früher wohl grad stecken und wie es ihnen geht.
Niemand ist eine Insel… Oder?
Dass alte Bänder nicht reißen müssen, ist eine tröstliche Aussicht, doch in den meisten Fällen keine Tatsache. Während bei den einen das Jahrestreffen da anknüpft, wo im letzten Jahr aufgehört wurde, stellen die anderen irgendwann fest, dass sie sich über den Tischrand hinaus nichts mehr zu sagen haben. Man muss sich knirschend eingestehen, dass die ehemals beste Freundin oder der ehemals beste Freund plötzlich so anders ist und man selbst wahrscheinlich auch nicht mehr das Mädchen oder der Junge von früher…
Man sagt: Niemand ist eine Insel. Doch ich glaube, dass sich gerade heutzutage viele Menschen wie eine Insel fühlen. Sie treiben relativ abgestumpft durch ihren Alltag, gehen vielleicht einmal die Woche mit einem Kumpel ein Bierchen trinken und sitzen am Abend stupide vor dem Fernseher oder surfen im Internet.
Letzteres bietet eine Vielfalt an Kontaktbörsen. Angefangen bei diversen Chatrooms, über Jugendseiten von Zeitungen bis hin zu dem in aller Munde liegenden studiVZ. Ein einfacher Klick reicht und man ist befreundet. Die Listen reichen bis in den dreistelligen Bereich und die Gästebücher füllen sich seitenweise mit freundlichen, aber eben doch auch anonymen Kommentaren.
Ein virtuelles Leben
Ich selbst kenne solche Treffpunkte recht gut und bin auch in mehreren Foren angemeldet. Meine Freundeslisten erstrecken sich zwar nicht bis ins unermessliche, allerdings frage ich mich trotzdem in regelmäßigen Abständen: Will ich das? Sind das überhaupt Freundschaften? Und warum habe ich all diese Menschen in meiner Liste, wenn ich eigentlich nie ein Wort mit ihnen wechsle?
Was im „wirklichen“ Leben nicht so leicht ist, lässt sich in der virtuellen Welt doch eigentlich ganz schnell klären. Es braucht wieder nur einen Klick und schon ist die falsche Freundschaft beendet. Ganz einfach.
Oder?
Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich tue mich schwer damit. Gerade zu Beginn meiner Mitgliedschaften habe ich es einfach nicht übers Herz gebracht, einen Freundschaftsantrag abzulehnen. Ach, komm, nimm ihn halt in deine Liste auf und gut ist. Man freut sich über jeden Menschen, der gerne mit einem befreundet sein möchte, vor allen Dingen dann, wenn einem das Leben da draußen etwas kühl vorkommt. In der Community kann man sich gezielt Leute suchen, die genauso ticken wie man selbst und schöne Plaudereien mit der virtuellen Nachbarin führen, während die echte Nachbarin einen wahrscheinlich nicht mal mit dem Popo anguckt.
Was ich draußen nicht haben kann, hole ich mir drinnen in meinem warmen Zimmer, ohne mich überhaupt von der Stelle rühren zu müssen. Stundenlang kann ich über das Leben, die Liebe, Musik und Literatur diskutieren. Doch reicht das für eine Freundschaft? Eine wahre, tiefe Freundschaft?
Das ist hier die Frage!
Ich persönlich kann darauf keine klare Antwort geben.
Auf der einen Seite weiß ich, dass eine hohe Zahl an Internetfreunden nicht automatisch eine Freundschaft bedeutet. Dafür fehlt der rege Austausch, die Stimme bei den Gesprächen oder der Blick ins Gesicht des Gegenübers, wo man viele Gefühlsregungen auch ohne Worte ablesen kann. Nicht selten kann das Geschriebene zu Missverständnissen führen, weil man den Tonfall nicht hören und die Mimik nicht sehen kann.
Ebenso selten muss ich mich mit einer Umarmung oder einem Lächeln verabschieden, wie man es bei einer echten Freundschaft wahrscheinlich tun und auch spüren würde. Ich kenne nicht die Alltagsgewohnheiten des anderen, weiß manchmal noch nicht mal wie er aussieht oder riecht und wo seine versteckten Macken liegen. Jeder präsentiert sich von seiner besten Seite und kann das darstellen, was er sein möchte – in wohlüberlegten Zeilen, ohne unüberlegte Taten oder Worte, die einem einfach mal rausrutschen, aber dazu beitragen können, den anderen zu verstehen und mit all seinen Fehlern zu akzeptieren.
Zudem sind da noch die „Freunde“, mit denen man sich höchstens mal zu Weihnachten oder zum Geburtstag schreibt.
Kann man das wirklich Freundschaft nennen? Wohl kaum.
Doch die Münze hat immer zwei Seiten.
Genau so wie ich die oben beschriebenen Nicht-Freundschaften kenne, so kenne ich auch Menschen aus dem Internet, mit denen es anders ist. Stundenlang kann man sich unterhalten, tauscht Meinung und Kritik und nach den anfänglichen Startschwierigkeiten arbeitet man sich zu Themen vor, die man sonst vielleicht nur mit seiner echten besten Freundin bereden würde – wenn überhaupt. Ich sehe den anderen beim Reden nicht, da verhält es sich wie mit den virtuellen Nicht-Freunden, aber trotzdem spüre ich eine Verbundenheit, die es sonst nur im wahren Leben geben kann.
Die Zahl dieser Freundschaften – ja, so würde ich sie nennen – ist sehr begrenzt. Es gibt vielleicht zwei oder drei Menschen, bei denen ich so oder ähnlich fühle.
Doch was ist dann mit den anderen? Und warum fällt es einem so schwer, jemanden aus seiner Liste zu löschen, den man zwar im Allgemeinen nett findet, ihm aber eigentlich nichts zu sagen hat?
Im Grunde ist es nicht schwer, solch virtuelle Freundschaften zu kündigen und trotzdem habe ich ein komisches Gefühl dabei. Fast so, als würde ich einem Menschen ins Gesicht sagen: Dich will ich nicht.
Irgendwie traurig und absurd zugleich.

hey ada, die sache mit den freundeslisten hat mich heute auch beschäftigt. guter beitrag. ablehnen mag ich auch nicht ( bei myspace) ich warte bis sich die sache von selbst entmagnetisiert…nach einiger zeit verschwindet die anfrage automatisch. es gibt ja regelrechte sammler von “freunden”, verkonsumierte freundschaften…und dann hörste nich ein einziges wort. ich hab meine liste minimiert, über 200 “freunde die es unbedingt werden wollten” gelöscht, nur noch die behalten, dessen musik ich wirklich mag. und am liebsten menschen, die ich kenne. ich benutze die seite als bilderlager. sonst nix. nicht für kommunikation. noch nicht einmal HIER kommuniziere ich so wirklich. minimalst und höchst selten. ich habe, so wie du, nur 1, 2, 3 wichtige kontakte, die ich pflege sofern es in meinen plan paßt. aber….zu sagen: das leben spielt da draußen…das stimmt auch nicht mehr so ganz, oder? es spielt…auf jeden fall auch hier. aber…draußen ist die luft einfach frischer.
schlafense gut ;-)
das kommt, weil du ein großes herz hast, deswegen ist dir das löschen nicht egal, liebste ada. dein beitrag stimmt mich sehr nachdenklich, weil ich mich in letzter zeit auch mit dem thema beschäftige. wer sind die wahren freunde? wo sind sie hin? was ist mit den schleifspuren, die das internet hinterlässt? ich für mich besinne auf die wirklichen wichtigen menschen und lasse die anderen ihren bahnen ziehen frei nach dem motto: leben und leben lassen…
@gertigeh: Ja, den letzten Satz hast du schön ausgedrückt. Trotzdem hab ich manchmal das Gefühl, dass mein Tag draußen im Gegensatz zu meinem Tag im Netz ganz schön zurückstecken muss – na, oder zumindest der Abend. Nochmal rausgehen? Bei dem Unwetter? Ach, lieber mal gucken, was es so neues auf wordpress und co gibt ;)
Dabei ist es ja schon was anderes jemandem von Angesicht zu Angesicht zu begegnen und bis jetzt bevorzuge ich das definitiv, auch wenn das Leben hier sehr bunt sein kann.
Zu myspace: Da habe ich auch eine Seite, aber irgendwie bin ich dort am wenigsten aktiv. Manchmal entdeckt man schöne Musik, aber den meisten bands geht es ja wirklich nur darum, bekannter zu werden, egal ob man nun mit der Person redet oder nicht. Ih würds aber wahrscheinlich genauso machen, wenn ich Musiker wäre, denn irgendwie muss man ja auf sich aufmerksam machen und da bietet myspace eine gute Möglichkeit!