Wenn man in den 1930er Jahren durch das kleine Dorf Saint-Martin-d’Ardèchein Südfrankreich gelaufen wäre, hätte man vielleicht verwundert beobachten können, wie zwei erwachsene Menschen, ein Mann und eine Frau, nackt mit einem Badeanzug auf dem Kopf durch die Straßen liefen.
Es handelte sich um die 20jährige Leonora Carrington und den 47jährigen
Max Ernst.
Sie war zu der Zeit Kunststudentin in Paris, er ein berühmter deutscher Maler und Bildhauer des Dadaismus und Surrealismus. Die beiden lebten in dem kleinen Dorf in einem Bauernhaus, dessen Garten von Fabelwesen bewohnt wurde und dessen Wände mit Geistern verziert waren.
Dieses Paar war ungewöhnlich, keine Frage! Und daran hat sich, zumindest bei Leonora, bis heute nichts geändert. 2007 feierte die Malerin, Schriftstellerin (“Das Hörrohr“) und Dramatikerin ihren 90. Geburtstag und lebt heute nach einem bewegten Leben zusammen mit ihrem Mann in Mexiko. Verheiratet ist sie nicht mit Max Ernst (siehe auch Bild1), sondern mit dem Fotografen Emericko Weisz, mit dem sie zwei Kinder hat.
Interviews gibt die alte Dame nur selten, denn wie sie selber sagt, kennt sie sich ja schließlich bestens. Wenn sie jedoch trotzdem mal einen Journalisten in ihr Haus einläd, vergisst sie schnell dessen wirklichen Namen und denkt sich einen neuen aus, so nannte sie z.B. eine Mitarbeiterin der taz kurzum “Trudy”.
Zum Fragenstellen kommt man erst gar nicht, denn Leonora bestimmt den Ablauf des Gesprächs selbst. So wird erstmal Cadavres exquis gespielt - ein Spiel das angeblich unter den Surrealisten weit verbreitet war. Man knickt ein Blatt mehrfach und nacheinander malt jeder Mitspieler eine Körperregion eines Wesens, ohne zu wissen, was der andere vor dem letzten Knick gemalt hat.

Dabei kommen die absurdesten und interessantesten Wesen zustande, fast so, wie man sie in Leonora Carringtons Gemälden finden kann. Es seien ihre nächtlichen Traumreisen, die sie da auf die Leinwand bringt. Laut ihrer Theorie stecken in jedem Menschen mehrere Persönlichkeiten. “Wir sind heute nicht die, die wir morgen sein werden, nicht einer, sondern viele Menschen. Die Kunst kann uns helfen, diese Persönlichkeiten zu versöhnen.“
Schaue ich mir ihre Kunst an, so überrollen mich Faszination und Gänsehaut zugleich. Auf der einen Seite entführt Leonora den Betrachter in eine Art Märchen mit Fabelwesen, die ihre Wurzeln oft in der Natur haben: Eulen, Pferde mit zwei Köpfen, Menschen mit Gefieder oder Katzen, die mit Zebras und Leoparden gekreuzt wurden.
Auf der anderen Seite wirken ihre Bilder ein wenig düster, was nicht zuletzt an der dunklen Mystik liegt, die Leonora in ihre Werke einfließen lässt.
Die Künstlerin befasste sich jedoch nicht nur mit Religionen und Sagen, sondern auch mit der Kultur ihres Landes und dem Feminismus. Dass sie bei letzterem nur die Position einer Randfigur einnimmt, lässt sich dadurch erklären, dass sie zwar stets selbstbewusst, wild und kämpferisch war, jedoch nicht in die “Opferrolle” der Frau passte und sich selbst auch nie als Opfer sah. Dafür war sie zu eigensinnig und stark. Nichts desto trotz beteiligt sie sich an fast jeder Kampagne für Frauenrechte.
2005 erhielt Leonora Carrington die Medalla de Oro de Bellas Artes (Gold Medaille der schönen Künste). Die mexikanische Regierung möchte ihre Bilder zu nationalem Kulturgut erklären.
Eine Fotografie von Leonora Carrington zierte heute meinen Literaturkalender und ich bin froh, dadurch auf sie aufmerksam geworden zu sein.
Den ersten Teil meiner Kalenderreise kann man hier finden.