Sommer 2007
Die blasse Sichel des Mondes verschwindet hinter den Wolken, während ich meinen Kopf gegen die Hauswand lehne. Es war sehr warm in den letzten Wochen, doch seit wenigen Tagen grollen Donnerschläge über den Dächern und der Regen prasselt unaufhörlich nieder.
Genau genommen ist das so, seit mein Nachbar gestorben ist; ein Tag wie jeder andere und trotzdem hat sich etwas in mir verändert.
Vielleicht hat das eine mit dem anderen nichts zu tun – wir hatten kein besonders enges Verhältnis -, aber manchmal ist es einfacher, Veränderungen zu bemerken, wenn man sie an einem bestimmten Ereignis festmachen kann.
Beerdigungen.
Bei der ersten Beerdigung war ich zu klein, als dass ich darüber nachdenken konnte, was eigentlich passierte, obwohl ich spürte, dass etwas in der Luft lag. Es war der modrige Geruch der alten Friedhofskapelle und schwarzer Kleidung, die viel zu lange im Schrank gehangen hatte sowie der salzige Geschmack echter und falscher Tränen. Ich weiß nicht mehr, ob ich an dem Tag ein Wort gesprochen habe, doch in diesem dunklen Holzkasten, den die Männer langsam in das Erdloch herhab ließen, lag meine Oma.
Bei der zweiten Beerdigung, die ich wesentlich bewusster wahrnahm, machte mich nicht der Umstand traurig, dass jemand aufgehört hatte zu atmen, sondern die Menschen, die nicht wussten, wie ihnen geschah. Mit roten Augen standen sie auf den Kieswegen und blickten betroffen zu Boden, teils aus Anstand, teils um dem Anblick der vielen Menschen um sie herum zu entkommen.
Jedes Ritual erfordert die Einhaltung von Regeln. Man nimmt sie schweigend hin. Nur innen drin, da beschäftigt man sich mit dem, was man eigentlich fühlt.
In der Nacht, als unser Nachbar starb, saß ich auf dem Balkon und zitterte. Nervös zündete ich mir eine Zigarette nach der anderen an und kämpfte mit dem Bösen. Ich kämpfte mit jemandem, der verlernt hatte zu fühlen, doch im Grunde beweinte ich nur mich selbst. Ich weinte um die, die ich sein wollte und um jene, die ich nicht war. Kurz gesagt, ich ertrank im Selbstmitleid und hatte es aufgegeben, das Schwimmen zu lernen.
Manchmal braucht man das. Manchmal muss man weinen und schreien und in Handgelenke beißen, bis rote Abdrücke entstehen, auch wenn es heißt, dass Selbstmitleid etwas Verwerfliches sei. Es dient dazu, sich zu lösen, fast wie eine Häutung, damit danach etwas Neues entstehen kann.
Nun könnte man mir vorwerfen, es sei vermessen, nur an mich zu denken, während im Haus nebenan seit 40 Jahren eine Frau zum ersten Mal alleine schläft. Doch wenn man ehrlich ist, gibt es nie nur eine Seite. Es gibt ein Ich und ein Du und beides existiert parallel.
Nur wenn man Glück hat, dann kreuzen sich die Wege.
Eine Tangente aus dir und mir und wenn du gehst, dann weine ich. Ich werde an einem Grab stehen inmitten einer schwarzen Menschentraube und ich werde den Blick senken, um nicht in die Gesichter der anderen sehen zu müssen. Meine Augen werden rot sein und die Hände ganz kalt, doch zwischen all dem, da werde ich irgendwann anfangen zu lächeln, weil Abschiede nicht immer den Tod bedeuten.
