Eigentlich müsste ich längst schlafen, denn in wenigen Stunden wartet die Arbeit auf mich, doch wirklich Lust dazu habe ich keine. Immer dasselbe Bett, dieselben Wände – da hilft auch kein Möbelrücken mehr. Ich weiß, wovon ich rede, schließlich habe ich heute dreimal meine Habseligkeiten von einer Wand zur nächsten geschoben. Erfolglos. Wohl fühle ich mich hier trotzdem nicht mehr und deshalb vermeide ich es zuhause zu sein.
Letzten Freitag fand ich mich des Morgens in einer WG-Küche wieder, welche definitiv nicht meine war, denn die Leute um mich rum kannte ich nicht und sie mich auch nicht.
Ich hatte einfach keine Lust gehabt nach Hause zu gehen, sprang von einem zum nächsten und als der DJ sein letztes Lied spielte, stand da dieses Grüppchen von Menschen – ich mittendrin. Ich weiß noch nicht mal mehr, wie es dazu kam, dass wir kurz darauf zusammen durch die Nacht liefen. Ich weiß nur, dass ich mich unwohl fühlte und den Gedanken im Kopf hatte, nicht ins Bild zu passen, so wie ein kleiner schwarzer Kratzer auf einem Foto. Vorsichtig wischt man darüber, weil man denkt, es wäre vielleicht nur Dreck, doch man kann reiben soviel man will, der Kratzer bleibt. Genau wie ich in dieser Küche.
Hannes kannte ich flüchtig vom Sehen und eigentlich ist er mir eher unsympathisch. Schon beim letzten Mal, als ich nicht nach Hause wollte, hatte ich das festgestellt. Er lacht so komisch und isst am liebsten morgens um 7 ein Brot mit stinkigem Käse. Zumindest glaube ich das, denn ich sah ihn nun schon zum zweiten Mal in dieses blau-grüne Etwas beißen. Und zum hundertsten Mal betonte er, es würde ihm nichts ausmachen, wenn ich in seinem Bett schliefe. Ihm vielleicht nicht, aber sicher seiner Freundin, die er beiläufig im Gespräch erwähnte. Meiner Meinung nach hätte er genauso gut mit Martin, seinem Mitbewohner, zusammen sein können. Wer weiß, vielleicht teilen sie heimlich ein Bett miteinander.
Martin ist der Typ Junge, der sich immer für etwas schlauer hält und im Grunde nur ein armes Würstchen ist. Er rückt sich die Brille auf der Nase zurecht und mustert mich skeptisch, während ich beobachte wie Nadine einen Eimer mit Rosen auf den Balkon verfrachtet. Die hat sie von ihrem Freund, mit dem sie seit sechs Jahren zusammen ist. Er ist selbstständig und schläft nebenan. Geschäftsmänner brauchen feste Zeiten, können sich aber dafür ganze Eimer voller Rosen leisten.
Isa, die gerade aus Kanada wiedergekommen ist, erzählt von ihrer großen Liebe.
Sie ist die einzige, bei der ich denke, dass es gut ist mitgegangen zu sein, denn seit ich das Alleinsein übe, interessiere ich mich brennend dafür, was andere Menschen so mit ihrem Leben anstellen. Ich höre gerne Geschichten vom Reisen und Wünschen, von der Liebe am anderen Ende der Welt und diesen ganzen romantischen alternativen Quatsch. Vielleicht weil ich mich selber irgendwo anders hinsehne. Raus aus dem Alltagstrott, weg von allem. Doch dazu bin ich wohl zu feige, zumindest im Moment. Den spontanen Sprung ins kalte Wasser traue ich mir einfach nicht mehr zu, weil ich glaube, eher zu ertrinken, als mich daran zu erinnern, wie man schwimmt.
Erinnern möchte ich mich an gar nichts mehr und deshalb sitze ich lieber morgens um 7 in fremden Küchen mit fremden Menschen, die mir ziemlich egal sind.
Hannes Angebot bei ihm zu schlafen habe ich abgelehnt, denn nur weil ich mich wie ein Hund ohne Schwanz fühle, heißt das noch lange nicht, dass ich Trost brauche, zumindest nicht solchen. Soll er doch mit Martin kuscheln…
Da schiebe ich lieber dreimal am Tag meine Möbel durchs Zimmer und hoffe, dass alles besser wird und ich wieder ein Stück mehr ich selbst.
