Neulich hielt ich auf einem meiner Streifzüge durch die örtlichen Buchhandlungen Ausschau nach übrig gebliebenen Kalendern für das Jahr 2008. Wie manche vielleicht wissen, sind die nach dem Jahreswechsel weitaus günstiger als davor und so entdeckte ich per Zufall den Literarischen Frauenkalender, der sich in diesem Jahr mit den Frauen von Paris befasst.
Da der Kalender um sage und schreibe 15 € reduziert war und ich insgeheim für Paris schwärme, griff ich natürlich sofort zu. 52 Kalenderblätter mit kleinen und großen Schätzen aus der Pariser Künstlerszene – hach, da schlägt mein gefühltes französisches Herz gleich ein bisschen schneller! Woche für Woche drehe ich nun gespannt ein Blatt um.
Letzten Sonntag erwartete mich die Rue de l’Odéon. Noch nie gehört? Ich vorher auch nicht und deshalb möchte ich sie heute zum Anlass nehmen, eine kleine Bilderreise in ein Paris von längst vergangenen Zeiten zu machen.

Die Rue de l’Odéon befindet sich auf der linken Seineseite im 6. Arrondissement von Paris. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in dem Viertel hauptsächlich Ausbildungsstätten, so z.B. Schulen und nicht weit entfernt die Sorbonne – die erste Universität Frankreichs. Es wimmelte somit zwar von Gelehrten und Schülern, jedoch entwickelte sich die internationale Literaturszene eher zögerlich. Es mangelte an öffentlichen Leihbibliotheken, Buchhandlungen und fremdsprachiger Literatur.
Doch was wäre die Welt, wenn es nicht kluge Frauen gäbe? Eine davon war die Pariserin Adrienne Monnier.

Die ausgebildete Lehrerin eröffnete 1915 im Alter von 23/24 Jahren eine der ersten Buchhandlungen Frankreichs und nannte sie “La Maison des Amis des Livres“. Genau diese Buchhandlung befand sich eben in jener Rue de l’Odéon.
Monnier knüpfte Kontakte zu Schriftstellern, verschaffte unbekannten Autoren durch organisierte Lesungen Gehör und wurde schließlich zu einer zentralen Figur der Pariser Literaturszene. Nicht nur Neulinge verkehrten in ihrer kleinen Bibliothek. Unter den Besuchern und Freunden fanden sich auch solch berühmte Gestalten wie Colette und Paul Claudel.

Das Geschäft mit der französischen Literatur lief gut und die Zahl der interessierten Gäste wuchs.
Eigentlich fehlte nur noch eines, was die Herzen der Schriftsteller und Leser höher schlagen lassen konnte: Eine Buchhandlung, in der nicht nur französische, sondern auch englische Literatur angeboten wurde.
Sie mussten nicht lange warten.
1919, nur vier Jahre nach der Eröffnung des “Bücherhauses”, half Monnier ihrer US-amerikanischen Freundin Sylvia Beach bei der Eröffnung einer englischsprachigen Leihbücherrei und Buchhandlung. Dies war die Geburtsstunde der sagenumwobenen “Shakespeare & Company“. Sie lag genau gegenüber von Monniers Laden und ergänzte deren Sortiment hervorragend.

Tummelten sich bei Monnier die französischen Literaten, so zog Beach die amerikanischen Autoren an. Zu ihren Freunden zählten u.a. Größen der sogenannten Lost Generation wie Ernest Hemingway und T.S. Eliot.

Wirklich berühmt wurde Sylvia Beach jedoch dadurch, dass sie sich traute “Ulysses” von James Joyce zu veröffentlichen. Das Werk wurde zuvor von allen englischen Verlegern abgelehnt, Beach hingegen sprang ins kalte Wasser und – siegte.

Nicht nur in dieser Hinsicht war sie eine mutige Frau, denn als die deutschen Truppen 1940 Paris besetzen, weigerte sich die Buchhändlerin und Verlegerin einem deutschen Offizier ein Buch zu verkaufen.
Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen. Beach wird dazu gezwungen ihren Laden zu schließen. Eine Neueröffnung bleibt aus. In der Rue de l’Odéon kann man nur noch eine Gedenktafel finden.

Doch wie kann es dann sein, dass man noch heute einen Buchladen namens Shakespeare & Company in Paris finden kann?
Die Antwort liegt bei dem US-Amerikaner George Whitman (siehe auch letztes Bild). Dieser benannte zu Ehren Sylvia Beachs seine 1951 gegründete Buchhandlung “Le Mistral” in Shakespeare & Company um. Für die sogenannte Beatgeneration wurde der Laden in den 50er und 60er Jahren eine beliebte Anlaufstelle, so z.B. auch für Schriftsteller wie Allen Ginsberg und William Burroughs (auf dem Bild zu sehen mit David Bowie).

Bücherbesessene und Touristen, die in der heutigen Zeit die Buchhandlung besuchen, können darin immer noch unzählige internationale Werke finden – im wohlsortierten Chaos bestehend aus vollgestopften Regalen und Bücherstapeln auf dem Fußboden.


An diesem Punkt endet meine Reise auf den Spuren der Pariser Literaturszene. Wer sie weiterführen möchte, kann sich selbst ein Bild machen und bei seinem nächsten Parisbesuch in der Rue de la Bûcherie vorbei schauen (Öffnungszeiten: 10-23h). Ich werde es auf jeden Fall tun, soviel steht fest…
