Manchmal, wenn ich aus dem alten Theater komme, der Hintern fast taub vom langen Sitzen, dann frage ich mich, was ich in den letzten Stunden eigentlich gesehen habe. Ich erinnere mich daran, dass Stimmen in der Luft lagen und an Menschen, die gebannt auf etwas starrten, doch ich saß einfach nur da und rieb die Hände an dem roten Samtbezug warm. Auf dem Nachhauseweg schiebe ich sie tief in die Taschen meines Mantels und denke an den Platz, an dem ich niemals war. Du hast erzählt, es sähe dort aus wie eine Mondlandschaft, ganz weit und leer, mit Wind, der über die Erde tobt. Doch in dem Moment, als die Worte damals deine Lippen verließen, schüttelte ich nur den Kopf. Es war die falsche Zeit für solche Plätze.
Ich bin schweigsam geworden in den letzten Monaten, so leise, dass es mir fast vorkommt, als könne ich all die gesagten Worte an zwei Händen abzählen. Die Tage beginnen mit einem blassen Grau und enden im Schwarz. Erst, wenn die Dunkelheit vollkommen ist, verlasse ich das Haus und begegne Menschen, in deren Gesichtern man all die Jahre ablesen kann, die mir selbst unter den Augen geschrieben stehen. Hin und wieder fahren Fingerspitzen darüber und ein fremder Geruch scheint meinen Körper einzuhüllen, aber ich sehe nicht, wer du bist. Und du siehst nicht mich.
Es fallen Worte zu Boden, die ganze Nächte füllen, doch am Morgen habe ich bereits vergessen, was sie bedeuten. Es scheint so leicht, nicht zu existieren. Eine Hülle, die jeder sehen kann, an die sich aber niemand mehr erinnert, wenn man verschwindet. Und insgeheim wünscht man sich doch, dass irgendwo jemand wartet, obwohl man selbst gar keine Lust mehr dazu hat. Stunden, Tage, Sekunden – alles wird eins und spielt keine Rolle mehr und das nur, weil man losgelassen hat, was früher auf den Handflächen lag. Ich glaube, ich habe sie noch nie geschlossen, weil ich nie wusste, was sich vorher darauf befindet und nachher wieder zum Vorschein kommt. Kleine Metamorphosen. Verwandlungen, die sich anschleichen und alles in einem verändern. Manchmal ist man selbst der Auslöser dafür, als würde man Selbstgespräche führen und sich am Ende des Tages Gute Nacht sagen, nur um am drauffolgenden jemand anderes zu sein.
In den Morgenstunden dann, wenn der Schlaf noch in meinen Haaren liegt und die Augen nicht mehr als zwei Kugeln sind, setze ich mich auf die alte Bank im Park. Wie in einem Kokon spinne ich Fäden aus Glas und lege meine kalte Wange daran. Ich bilde mir ein, es sei ein Teil von jemand anderem, aber letztlich bin ich es nur selbst und die roten Druckstellen verblassen, bevor ich wieder zuhause ankomme. Dann mache ich mir einen Kaffee, setze mich vor die Tür und betrachte den vermoosten Gehsteig. Feine Risse und große Schlaglöcher, dazwischen weiche Schichten aus brauner Erde. Im Hintergrund läuft irgendein Lied, das ich nicht kenne, aber bestimmt schon hundertmal gehört habe. Ich erinnere mich an letzte Nächte, weiß, wie weich die Haare waren oder habe einen Geruch in der Nase. Es wird warm, wenn die Gedanken meinen Verstand vernebeln, aber das schönste ist eigentlich die Freiheit, dass ich mich nicht melden muss. Wiedersehen werden wir uns trotzdem.
Bis dahin werde ich nachts das Haus verlassen, in fremde Gesichter blicken und das Gefühl haben, endlich mal alles richtig zu machen. Ohne Mondlandschaften und die Erinnerung daran, dass niemand wartet, wenn ich es tue.
