Aus tiefem Schlaf
Dienstag, 15 Januar, 2008 von Ada Mitsou
Ich habe seit Jahren nicht mehr an diesem Fluss gestanden.
Als Kind verbrachte ich hier viele Stunden und durchnässte stetig aufs Neue meine Kleidung, weil ich beim Steinesammeln zu ungeschickt war. Die glatten wollte ich haben, die, die tief unten lagen, doch die Schwerkraft kam jedes Mal dazwischen.
Jetzt kauere ich mich vorsichtig am Rande der kleinen Holzbrücke zusammen und halte die Fingerspitzen ins Wasser. Es ist kalt, sodass es nicht lange dauern wird, bis das Eiswasser meine Finger blau anlaufen lässt.
Manchmal verbrennt man sich die Hände an etwas, das zu heiß ist und manchmal erfrieren sie unter einer bloßen Berührung. Unsere ist in tiefen Schlaf gesunken. Um sie zu wecken, muss ich nach unten schauen.
Es gab Zeiten, in denen ich dir Worte geklaut habe. Ich drehte sie hin und her und verstand doch nie, was sie bedeuteten. Vielleicht passten sie nicht in meinen Mund, vielleicht hatten sie eine Form, die ich nicht kannte, doch irgendwann wurde es zu mühsam, all diese Bruchstücke zu sammeln. Ich legte sie fein säuberlich auf mein Fensterbrett.
Zuerst nebeneinander, dann übereinander, bis sie sich schließlich so hoch stapelten, dass ich nicht mehr darüber hinweg sehen konnte. Ich öffnete zögernd das Fenster und all die Worte, die ich wochenlang zusammengeraubt hatte, segelten lautlos zu Boden, bis sie schließlich vom Wind verweht wurden.
Es wurde still und die Gedanken, die mich wach hielten, kamen zur Ruhe.
So war es sonst nur, wenn du neben mir lagst.
Ich habe dich gerne angeschaut, während du geschlafen hast. Die Falten auf deiner Stirn glätteten sich und behutsam drückte ich einen Kuss darauf. Es war nur eine trockene Berührung, etwas, das du vielleicht nie bemerkt hast, aber es hat lange gedauert, bis ich mich traute, mich zu bewegen, denn ich hatte Angst, du könntest es bemerken. Ich hätte mich ertappt gefühlt, wie jemand, der etwas tut, was ihn rot anlaufen lässt.
Deine Hand habe ich nie ergriffen.
In all der Zeit, die wir uns kennen, habe ich es nie gewagt, meine Hand in deine zu legen, weil ich dachte, du würdest sie nicht festhalten. Manchmal mache ich mich zu schwer, sodass es fast schon wehtun muss, mich zu halten…
Mein Arm taucht in die Tiefe des Flusses. Diesmal möchte ich nicht die glatten Steine sammeln. Ich möchte sie nur berühren, einmal darüber streichen, denn es ist besser, sie dort zu lassen, wo sie hingehören. Sie sind kühl und glatt und einer von ihnen hat eine kleine Kerbe, die kaum spürbar ist. Ich muss lächeln, weil mir dabei ein Bild von dir in den Sinn kommt. Mit der trockenen Hand fahre ich mir über die Augenbraue, stecke die andere in meine Manteltasche und mache mich auf den Weg.
Ich habe noch ein ganzes Stück vor mir, doch diesmal nehme ich mir Zeit.
Die zarten Dinge brauchen das…