Bugs Bunny war auch nur ein falscher Hase
Donnerstag, 10 Januar, 2008 von Ada Mitsou
Als ich sechs Jahre alt war, nahm mich mein Vater manchmal mit in seine Stammkneipe. Sonntags morgens saßen die Männer dort zusammen, tranken ein Bier (oder auch zwei) und knobelten, während ich damit auftrumpfte, bereits beim zweiten Wurf drei Einser zu haben. Ich glaube, die Herren waren froh, dass sie nicht mit mir um die nächste Runde spielten, doch manchmal wird das Glück auch ohne Bier belohnt, dafür in Form von Eis. Es war bereits das zweite Bum Bum – so schön bunt und künstlich -, als ich den Spender neugierig nach seinem Namen fragte. „Bugs Bunny“, antwortete er und grinste mir ins Gesicht. Schlau wie ich war, wusste ich, dass er nicht wie ein grauer Hase aussah und entgegnete trotzig „Das geht ja gar nicht!“ „Aber warum denn nicht? Wenn ich es dir doch sage.“ Misstrauisch beäugte ich ihn von unten und begann zu zweifeln. Dieses Spiel wiederholte sich drei-, viermal, bis ich schließlich aufgab und glaubte, dass auch Menschen wie Zeichentrickfiguren heißen können. Außerdem mochte ich seine blonden Locken.
Vielleicht begann das damals schon mit meiner Gutgläubigkeit und der Hoffnung an die Leichtigkeit, vielleicht prägte sich dadurch meine Vorliebe für Geschichtenerzähler, denn wer Geschichten erzählt, der gibt mir auch Eis und hat schöne Haare.
Der letzte Erzähler, der mir begegnete, war außen ganz groß und innen ganz klein. So ist das oft bei den Menschen, die viel sagen und dazwischen etwas verlegen zu Boden schauen, weil sie wissen, wie unsinnig ihre Worte erscheinen.
Manchmal hat er auch etwas unbeholfen gelacht, wobei er seine stoppeligen Mundwinkel schief verzog und an irgendetwas nervös herumnestelte. Mal war es eine Zigarettenschachtel, mal seine dunklen Haare, die ein bisschen abstanden, wenn ich mit der Hand hindurch fuhr, doch öfter noch war es meine Haut. Wir lagen oft beieinander und verfolgten die kleinen Rauchkringel, die aus der Schwärze seines leicht geöffneten Mundes hervorschwebten. Sie waren schwer und rund und verloren sich irgendwann im Raum genau wie unsere Seufzer, während wir uns gegenseitig verschlangen. Das passierte manchmal. Wir lagen ein ganzes Wochenende auf seiner Matratze, schauten einen Film, aßen ein paar Brötchen und plötzlich aus dem Nichts wurden die trägen Bewegungen seiner Hände zu aufregenden Reisen bis zum Grunde des Ozeans…
Irrfahrten würde ich im Nachhinein dazu sagen. Denn das, was er bei mir suchte, habe ich ihm nie geben können. Nicht, dass ich ihm nicht zuhörte, ihn in mich aufnahm und die Erde war, auf die er sich zum Schlafen legte, doch es war nicht genug. Ich allein war nicht genug.
Ein Geschichtenerzähler muss wandern. Er muss viele Frauen kosten und viele Blicke einfangen, denn täte er das nicht, so würde er verhungern und hätte keine Kraft mehr, all die Lügen und Schmeicheleien zu bebildern.
Bei uns war es soweit. Zu lange schon verweilte er an einem Ort, küsste zu oft die Lippen von nur einer Frau und letztlich gingen ihm die Geschichten aus. Was blieb ihm da anderes übrig, als die Wahrheit zu sagen? Doch die Wahrheit, die war nicht bunt und schön, sie war weder weich noch süß. Einen bitteren Geschmack hinterließ sie auf unser beider Zungen. Die Küsse blieben dieselben, doch die Worte wurden zäh. Nächtelang saßen wir uns gegenüber, redeten von Wunden und Narben, bis es irgendwann zu schwer wurde. Dann nahm er meine kalten Hände, rutschte ein wenig näher und legte seinen Kopf in meinen Schoß. So schwer. So müde. Wie ein Kind lag er da, zusammengerollt und verwundet.
Wenn Geschichtenerzähler die Wahrheit sagen, fühlen sie sich nackt und wenn sie sich nackt fühlen, dann werden sie immer kleiner und lösen sich irgendwann in Luft auf.
Eines Abends, wir standen nebeneinander in einer Menge betrunkener Statisten, spürte ich, dass er wieder jemand anderes war. Seine Augen suchten Enden neuer Fäden, an denen er sich hochziehen konnte und die Frau, die neben ihm stand, war nicht mehr als eine Erinnerung, blass und fern. Es war der letzte Abend, den wir zusammen verbrachten.
Wenn ich zurückschaue, dann sehe ich noch immer das unbeholfene Lachen und die verlegenen Blicke. Ich spüre seine Hände und höre die Schluchzer in meinem Schoß, doch übrig bleibt nur ein Gedanke:
Bugs Bunny war auch nur ein falscher Hase.
So aufwühlend sie manchmal sind, doch ohne falsche Hasen wäre das Leben irgendwie grau und langweilig. *